Schatten auf dem Schwellenmoment: Gewalt in der Geburtshilfe
- bhabusta
- 20. Apr.
- 2 Min. Lesezeit
Gewalt im Kreißsaal ist meist strukturell, verbal oder psychisch. Es handelt sich um Handlungen oder Unterlassungen, die das Selbstbestimmungsrecht und die Würde der Gebärenden verletzen. Sie trifft umso tiefer, da sich die Frau in der Matreszenz befindet, eine Phase in der das Gehirn auf Neuroplastizität und Vulnerabilität programmiert ist.
Diese neurologische Offenheit der Matreszenz, die eigentlich dazu dient, eine tiefe Bindung zum Kind aufzubauen, wird in einem gewaltvollen Umfeld zur gefährlichen Eintrittspforte für Traumata. Wo Schutz und Bestärkung nötig wären, hinterlassen Grenzüberschreitungen tiefe Spuren.
In der Praxis äußert sich diese Missachtung der weiblichen Autonomie oft in sehr konkreten, physischen und psychischen Übergriffen:
Interventionen ohne Einwilligung wie der Kristeller-Handgriff, Dammschnitte oder vaginale Untersuchungen ohne Zustimmung
Verbale Abwertung: Demütigende Kommentare, Anschreien oder das Lächerlichmachen von Schmerzen
Pathologisierung: Die Behandlung einer physiologischen Geburt wie eine Krankheit, bei der die Frau zur passiven „Patientin“ degradiert wird
Zwang: Drohungen wie „Wenn Sie jetzt nicht mitmachen, stirbt Ihr Kind“, um Kooperation zu erzwingen
Der Kontext: Matreszenz
Um die fatalen Auswirkungen zu verstehen, muss man den Zustand der Frau betrachten: die Matreszenz. Ähnlich wie die Adoleszenz beschreibt Matreszenz die tiefgreifende neurologische, hormonelle und psychologische Transformation zur Mutter. In dieser Phase ist das Gehirn auf extreme Neuroplastizität und Vulnerabilität programmiert. Die Frau befindet sich in einem „offenen“ Zustand, um eine Bindung zum Kind aufzubauen. Wenn in diesen hochsensiblen Prozess Gewalt einbricht, trifft sie nicht nur auf einen Körper, sondern auf eine Psyche, die gerade ihre gesamte Identität neu ordnet.
Die fatalen Auswirkungen
Gewalt während der Geburt ist kein Ereignis, das mit der Entlassung aus dem Krankenhaus endet. Die Folgen sind oft tiefgreifend und langfristig:
1. Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Flashbacks, Albträume und das emotionale Wiedererleben der Geburt.
2. Bindungsstörungen: Wenn die Geburt als Kampf ums Überleben oder als Ort der Demütigung erlebt wurde, kann dies den instinktiven Bindungsaufbau zum Neugeborenen massiv erschweren.
3. Stillprobleme: Stresshormone (Cortisol/Adrenalin) stehen im direkten physiologischen Gegensatz zu den Bindungshormonen (Oxytocin), die für den Milchfluss nötig sind.
4. Sexuelle Dysfunktionen & Körperentfremdung: Der eigene Körper wird als „Verräter“ oder als Objekt von Willkür wahrgenommen.
5. Sekundäre Infertilität: Viele Frauen entscheiden sich aufgrund des Traumas gegen weitere Kinder, obwohl ein Kinderwunsch besteht.
Was das für die Gesellschaft bedeutet
Dass Gewalt in der Geburtshilfe existiert und Frauen in der Matreszenz trifft, führt zu einer bitteren Erkenntnis: Wir verletzen Frauen genau in dem Moment, in dem sie am offensten und schutzbedürftigsten sind.
Strukturelles Versagen: Gewalt ist oft kein individuelles Versagen von Hebammen oder Ärzt*innen, sondern das Resultat eines überlasteten Gesundheitssystems, in dem Zeit Geld ist und Effizienz über Würde steht.
Prävention des Traumas: Wir müssen die Matreszenz als eine sensible Lebensphase anerkennen, die besonderen Schutzraum benötigt. Eine „sichere Geburt“ darf nicht nur das Überleben von Mutter und Kind bedeuten, sondern muss die psychische Unversehrtheit einschließen.
Bedeutung der Autonomie: Die Heilung und die Prävention liegen in der Rückgabe der Kontrolle. Eine Frau, die sich während der Geburt selbstbestimmt fühlt – selbst wenn medizinische Interventionen nötig sind –, trägt ein deutlich geringeres Risiko für psychische Folgeschäden.
Fazit
"Gewalt in der Geburtshilfe ist ein massiver Eingriff in die weibliche Biografie. Sie zu benennen, ist der erste Schritt, um die Matreszenz zu dem zu machen, was sie sein sollte: ein kraftvoller, begleiteter Übergang statt eines traumatischen Bruchs."



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